Wolkendecke

Zukunftswünsche in den Himmel schießen

Gastbeitrag von Christine Hierer • vonwenigerundmorgenzur Homepage

Ich wurde kürzlich 28 Jahre jung und alles ist anders, als ich einst dachte. Oder: warum ich ohne klar abgesteckte Zukunftswünsche heute besser & mehr lebe.

Ich wurde kürzlich 28 Jahre alt. 28 Jahr jung – Verzeihung. Ein guter Anlass, mal wieder ein paar Buchstaben zu digitalem Papier zu bringen. Denn ich wurde 28 Jahre jung und diese 28 Jahre haben gewissermaßen eine besondere Bedeutung für mich.

Als ich nämlich noch jünger war als heute, sagen wir so ungefähr 16 Jahre, da hatte ich von mir in der Zukunft, genauer gesagt von mir als 28-Jährige, schon relative konkrete Vorstellungen.

28 Jahre war das Alter…
…in dem ich, wie ich mir wünschte, bereits ein paar Jährchen mit meinem Partner, mit dem ich bestenfalls natürlich für den Rest meines Lebens zusammen sein würde, zusammen bin. 28 Jahre war das Alter, in dem ich, wie ich mir wünschte, mit diesem Partner in einer schönen Wohnung zusammenlebe. Gedanklich sollte auch der Hausbau nicht allzu weit entfernt sein. 28 Jahre war das Alter, in dem ich, wie ich mir wünschte, einen coolen Job haben wollte. Einen coolen Job, einen festen und langwährenden Job, der mir Spaß macht, in dem ich erfolgreich bin und natürlich gut verdiene. Denn natürlich war 28 Jahre auch das Alter, wie ich mir wünschte, in dem ich vielleicht auch langsam mal ein Kind haben könnte oder zumindest langsam mal drüber nachdenken würde. Kurz und knapp: ein Blick in eine Zukunft, die eingebettet war in Beständigkeit, Klarheit, Ordnung.

Nun ist alles ganz anders, als ich einst dachte.

Ich wurde kürzlich 28 Jahre jung. Und das, was ich mir damals wünschte, könnte nicht weiter von der Realität entfernt sein. Ich bin Single. Ich lebe in einer WG. Und bevor ich (erneut) mit einem Partner zusammenlebe sollte, will ich nun erst mal irgendwann alleine leben. Von einem eigenen Haus bin ich gedanklich wirklich meilenweit entfernt. Ob ich jemals Kinder haben werde beziehungsweise will, das weiß ich beim besten Willen nicht mehr. Und ein Partner, mit dem ich für den Rest meines Lebens zusammenbleibe? Wage ich eher zu bezweifeln. Es ist schon möglich, klar, ich schließ es ja nicht kategorisch aus. Aber kategorisch ein eben noch weniger. Gut, ich hab ‘n Job und der macht mir auch Spaß. Erfolg ist mir dafür mittlerweile allerdings eher so semi-wichtig. Dafür gibt’s neue Faktoren, die in diesem Kontext jetzt eine deutlich bedeutsamere Rolle spielen. Verdienst ist okay. Grundsätzlich bin ich mir aber ziemlich sicher, dass das Ganze nur eine temporäre Angelegenheit ist. Ich wage nämlich auch sehr zu bezweifeln, dass meine berufliche Laufbahn stringent verläuft und ich mein Leben lang dieselben, oder vielleicht auch annähernd selben, Dinge tun werde. Denn ich will noch mehr. Mehr machen, mehr probieren, mehr lernen, mehr Abwechslung, mehr erleben.

Es ist alles ganz anders, als ich einst dachte. Und es ist gut, dass es so ist. Ich weiß nicht, wo ich noch so leben werde. Ich weiß nicht, wie ich noch leben werde. Ich weiß ja nicht mal, was morgen in meinem Kopf passiert. Aber ich weiß, dass ich noch viel erleben will. Beständigkeit, Klarheit und Ordung brauche ich nur noch in der Minimal-Version.

Wunschvorstellungen – ups, verirrt…
Damals als Jugendliche, da hatte ich ziemlich konkrete Pläne von meiner Zukunft. Wunschvorstellungen, die fortan zu subtilen Wegweisern in meinem Leben wurden. Die mich gerne auch mal an der Nase herumgeführt haben. An denen ich mich orientiert habe, obwohl mein Gefühl andere Wege einschlagen wollte. Manche Wunschvorstellungen aus meiner Jugend haben sich so tief in mir manifestiert, dass ich sie kaum hinterfragt habe, denn sie lagen so tief, dass ich sie gar nicht mehr gesehen habe. Manche Wunschvorstellungen aus meiner Jugend haben sich so tief in mir manifestiert, dass ich auf neu aufkommende Gefühle und Bedürfnisse nicht (ausreichend) gehört habe oder ihnen nicht (ausreichend) gefolgt bin.

“Mal sehen, wie das wird” statt “So wird das mal”
Also versteht mich nicht falsch: ich habe bereits viel erlebt, mir Träume erfüllt, bin über die Stränge geschlagen, habe verrückte Dinge gemacht und ein bis dato weitestgehend fröhliches Leben geführt (gewisse Ups & Downs gehören ja immer mit dazu). Trotzdem haben mich diese Wunschvorstellungen aus der Jugend irgendwie doch immer begleitet. Manche mehr, manche weniger. Mal mehr, mal weniger. Aber irgendwie halt schon. Sei es auch nur bei kleinen, einfachen Entscheidungen oder Handlungen. Überhaupt nicht pedantisch und meist wahrscheinlich kaum bemerkbar. Nicht tragisch, aber so, dass ich möglicherweise eben nicht immer hundertprozentig auf mich gehört habe. Oder zumindest so, dass ich schon ein mehr oder weniger klares Bild von der Zukunft hatte und deswegen meine Augen nicht wirklich für andere, weitere Zukunfts-Optionen geöffnet habe. So wird das mal statt mal sehen, wie es wird. So, dass ich mich vielleicht von vornherein selbst ein wenig beschnitten und eingeengt habe. Vielleicht waren all die Zukunftswünsche aus der Jugend meist auch überhaupt nicht bemerkbar. Aber unterbewusst – unterbewusst waren sie im gewissen Maße eben trotzdem ein währender Begleiter. Und das, das wusste ich lange nicht.

Ich wurde kürzlich 28 Jahre jung und glücklicherweise ist mir in meinem 28. Lebensjahr, und auch in den Jahren davor, genau das alles langsam klar geworden. In mein Bewusstsein vorgedrungen. Erst leise, dann laut. Und mehr und mehr konnte ich diese Manifeste erkennen, niederbrechen und mich schließlich von ihnen befreien. Sie in meinem 28. Lebensjahr schließlich gänzlich abschütteln. Das, was es noch abzuschütteln galt. Auch aus den Tiefen meines Unterbewusstseins. Meine Zukunftswünsche von damals in den Himmel schießen.

Wo siehst du dich in fünf Jahren?
Seitdem lebt es sich deutlich befreiter. Zwanglos. Einfach. Würde man mich heute fragen, wo ich mich in fünf Jahren sehe, so wäre die einzig ehrliche Antwort, die ich geben könnte, ein gepflegtes: weiß ich nicht. Vielleicht wird es irgendwann doch noch so, wie ich damals, mit 16 Jahren, dachte. Vielleicht aber auch so anders, dass ich nicht vermag es mir auch nur annähernd vorzustellen. Ich weiß es nicht. So einfach ist das. So gut ist das. Das Ziel ist nun mal wirklich der Weg. Ja, so einfach ist das.

Und ausmalen möchte ich mir da auch nichts mehr. Und genau das, das macht mich frei. Denn ich werde nicht mehr getrieben von veralteten Wegweisern, die mich in die Irre führen, und errichte da auch keine Neuen, sondern orientiere mich an meinem Gefühl. Immer wieder neu. Tag für Tag.

Tausche Manifest gegen Wölkchen
Natürlich habe ich immer noch manch einen Wunsch oder manch ein Ziel. Und das ist auch voll okay. Es ist sogar gut. Denn eine gewisse Orientierung brauche ich ja doch. Doch ich klammer mich eben nicht mehr dran fest. Auch nicht unterbewusst (sofern mir das bewusst ist). Ich hämmere sie nicht in meine Brust, wo sie dann beständig stecken und sich über mein Herz und Gefühl hinwegsetzen können. Eher sind sie wie kleine, feine Wölkchen, die mich begleiten auf meinem Weg und mich motivieren. Die aber immer wieder, oftmals Tag für Tag, neu definiert, verformt oder gar mit einem Fingerschnipps wieder in Luft aufgelöst werden.

Umso älter ich werde, desto weniger weiß ich, was morgen ist
Damals als Jugendliche, da hatte ich ziemlich konkrete Pläne von meiner Zukunft. Kürzlich wurde ich 28 Jahre jung. Und umso älter ich werde, so scheint mir, desto weniger weiß ich, was morgen ist. Und das ist verdammt gut so. Denn dadurch kann ich das Leben führen, das ich wirklich führen will. Das ist verdammt gut so. Denn das, das fühlt sich so richtig nach Leben an.

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