Händchenhaltendes Paar

Impulse, sich in Dankbarkeit von der/dem langjährigen Partner*in zu lösen

Gastbeitrag von Leonie Illerhues • lela.heinrich

Du denkst oft noch über den Menschen nach, der dich eine Zeit lang als Lebenspartner*in begleitet hat und hast den Eindruck, du kannst dich noch nicht wirklich von ihr/ihm lösen, doch dieser langwierige Prozess stört dich oder hindert dich gar am Weiterkommen?

Eins sei gesagt, du bist weder allein mit diesen intensiven und scheinbar unüberbrückbaren Gefühlen, noch gibt es eine konkrete Lösung für dein Anliegen. Vermutlich ist es dir schon klar: Die Antwort steckt bereits in dir und zwar nur in dir!

Genauso wie jeder Mensch individuell ist, so ist es auch jede Beziehung und Verbindung. Die Ursache des Auseinandergehens ist dir vielleicht noch sehr präsent und beschäftigt dich, oder aber du siehst sie mittlerweile nicht mehr als relevant an und grübelst über die Momente und Erinnerungen der geteilten Erfahrungen. Denn das, was war, war, und das bleibt abseits jeglicher Bewertungen deinerseits im Rückblick: eine Verbindung. Durch die gemeinsamen Entwicklungen in eurer Beziehung entsteht das Vermissen des Geteilten, des lebendigen Miteinanders und des Austausches. Dir fehlt dieser Mensch mit seiner Individualität in deinem Leben so sehr, obwohl ihr schon seit langem getrennte Wege geht, dass du beginnst, dich selbst, eure Trennung und das Geschehene immer wieder kategorisch zu durchdenken und zu hinterfragen. Wenn du womöglich bereits in einer neuen Beziehung steckst, scheint das Chaos in deinem Kopf kein Ende zu nehmen und wird addiert von Schuldgefühlen und Vorwürfen an dich selbst.

Damit du dich aus diesem Hamsterrad des Schmerzes selbst befreien kannst, nimm diese drei Fragen mit in die weiteren Tage, tritt innerlich einen Schritt zurück und beobachte, was sie mit dir machen und welche Gefühle sie in dir erlösen:

1. Frage an mich selbst: Was sehe ich in meiner/m Ex-Partner*in, was ich selbst bin? Was sah/sehe ich in ihr/ihm, was ich mir selbst für mich wünsche?

Wenn es Aspekte der Persönlichkeit deiner/s Ex-Partner*in/s sind, die dich vielleicht schon von eurer ersten Begegnung an in den Bann gezogen haben, dann könnten dies aufschlussreiche Hinweise für dich sein, ob du diese Persönlichkeitsanteile bei dir selbst siehst und liebst, oder aber unterdrückst und unbewusst ablehnst. Spüre in dich hinein und erinnere dich zurück an die Gedanken, die dich beschäftigt haben, bevor dieser Mensch ein Teil deines Lebens wurde.

2. Frage an mich selbst: Wie bewerte ich mein eigenes Verhalten während der Beziehung und Trennung? Wie bewerte ich das Verhalten meiner/s Ex-Partner*in/s?

Trägst du womöglich noch viel Schuld mit dir herum, weil du Dinge in der Beziehung getan hast, die du zutiefst bereust oder gibst du dir selbst die Schuld an eurer Trennung? Oder gibt es eine große Wut, die du deiner/m Ex-Partner*in gegenüber noch hegst? All diese (Selbst-)Vorwürfe werden dich nicht erlösen und dir den Menschen nicht in dein Leben zurückbringen. Horche einmal in dich hinein und hinterfrage deine Glaubenssätze und Gedankenmuster zum Thema Schuld. Was bedeutet Schuld für dich? Gestehst du dir ein, selbst Erfahrungen zu machen oder Entscheidungen zu treffen, die sich im Nachhinein als nicht mehr stimmig für dich anfühlen? Gibt es in deinen vermeintlichen „Fehlern“ etwas, was du als Chance und Lernerfahrung für dich mitnehmen konntest? Wie stehst du selbst zu dem Thema der „Bewertung“? Wertest du dich oder deine/n Ex-Partner*in ab? Verurteilst du sie/ihn für Handlungen oder Worte? Es könnte dir hier besonders helfen, deine Gedanken aufzuschreiben oder in kreativer Form auszudrücken, damit du sie dir immer wieder wachrufen kannst, sowohl visuell als auch im Herzen. Denn das, was du diesem Menschen gegenüber noch fühlst, nimmst du nicht in deinem Kopf wahr, sowohl den Groll als auch die Liebe.

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3. Frage an mich selbst: Was will ich noch sagen? Was will ich noch hören?

Falls du das Gefühl hast, es steht für dich noch zu viel zwischen euch, was niemals besprochen wurde und daher nicht fassbar ist, spüre ab, ob ein gemeinsames Gespräch eine mögliche Lösung für dich wäre. Vertraue hier dem ersten Impuls, der kommt, sobald du dir selbst diese Frage stellst. Auch nach vielen Jahren kann das gesprochene Wort - welches lange, lange schlummerte und nun endlich hinaus darf - wahre Wunder bewirken zwischen zwei Menschen. Versuche dich hier von der Scham und der Angst zu befreien, dass ein Gespräch nach einigen Jahren keinen Sinn mehr machen würde. Ganz gleich, wie die Antwort auf eine Gesprächsanfrage auch ausfällt, allein der Schritt, ein Gespräch zu suchen, wird dich stärken und dir eine Selbstbegegnung schaffen. Dasselbe gilt für die Fragen, die dir noch auf der Zunge liegen. Falls dein Gegenüber nicht in der Lage ist, dir deine Fragen zu beantworten, dann mach dir bewusst, dass dies nichts mit dir zu tun hat, sondern ein Spiegel der möglichen Unsicherheit deiner/deines Ex-Partner*in/s ist. Allein das Stellen der Fragen kann eine Öffnung in dir bewirken, in welcher du sie dir womöglich selbst beantworten kannst.

Wenn dein Herz dir mitteilt, dass ein gemeinsames Gespräch nicht mehr infrage kommt, dann lass die lodernden Worte dennoch hinaus: Auf ein Blatt Papier, auf eine Leinwand, durch Bewegung oder Aktivitäten in der Natur… einfach über alles, womit du dich mit dir selbst verbinden kannst und dir deine Gedanken und Gefühle für dich fassbar werden lässt. Wir begegnen unseren tiefsten Gefühlen vor allem, wenn wir mit uns selbst wirksam sind und Zeit mit uns selbst verbringen.

Wenn du in die Begegnung mit diesen Fragen gehst, wird sich eine weitere Entwicklung eurer vergangenen Verbindung in dir öffnen. Sei dir sicher: Der Prozess wird dich vermutlich weiterhin allerlei Bemühungen und Anstrengung kosten, doch er hat seine Berechtigung, damit du dich selbst und deinen Selbstwert anerkennst. Du wirst deine Gedankenkreisläufe heilsam ablegen, wenn du dir deiner Glaubensmuster über dich und deine/n Ex-Partner*in sowie über eure Verbindung bewusst werden lässt.

Das Leben ist für dich und du wirst das Gefühl der Unvollständigkeit loslassen können, indem du dir bewusst machst, warum dieser Mensch für eine Zeit lang ein Teil deines Lebens war und was die daraus resultierende Erfahrung sein könnte.

Eines Tages wirst du die vergangene Beziehung zwischen euch ruhen lassen können und deine/n Ex-Partner*in in liebevoller Annahme und Akzeptanz in Erinnerung behalten, voller Wohlwollen und Dankbarkeit für das, was diese Verbindung geschaffen hat: All das Leid und all die Liebe gleichermaßen wie die lehrreiche Erfahrung und Chance.

Schenke dir selbst die Liebe, nach der du dürstest!

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