Junge Frau auf Bett

Die Angst vor Ruhe und Entspannung

Gastbeitrag von Jennifer Kistner • peaceofshit.dezur Homepage

Je mehr Anspannung ich am Tage erlebe, desto aufgekratzter und nervöser bin ich am Abend. Wenn dann die eigentliche Entspannung einsetzen soll, kreisen die Gedanken und mein Monkey mind fragt sich: „Habe ich an alles gedacht und meine Arbeit gut gemacht? War ich effizient? Hätte ich schneller und besser sein können?“ Eine Frage führt zu nächsten und die Antwort meiner inneren Stimmen lautet stets und ständig: „Das hättest Du besser machen können!“

Aber auch wenn ich stressfreie Tage erlebe, kommt mein Geist nicht zur Ruhe. Immer, wenn es still um mich wird, werden die Stimmen lauter. Dann fokussiere ich meine negativen Gedanken und kann ihnen Glauben schenken. Ich gerate in einen Grübelstrudel, der mich in die Abwärtsspirale zieht. Im Bett ist es am schlimmsten. Ich fange einen negativen Gedanken an, er wird größer, ich steigere mich hinein und kriege Panik. Manchmal sogar hatte ich Angst zu ersticken.

Woher kommt die Unruhe?
Meine Unruhe entsteht aus zu hohen Anforderungen an mich selbst. Ich will immer alles perfekt machen. Ich bin erst zufrieden, wenn ich auch nach mehrmaliger Kontrolle keine Makel erkenne. Dann entsteht eine leichte Befriedigung, die dem Aufwand nicht gerecht wird. Ergebnis: Viel zu großer Aufwand und Leidensdruck für zu wenig Befriedigung und Anerkennung.

Zudem bin ich von außen bestimmt. Sobald einer kommt, der mein Ergebnis scheiße findet, finde ich es auch scheiße. Ich bin nicht kritikfähig. Oder anders formuliert: Ich nehme mir Kritik zu sehr zu Herzen. Das lasse ich mir natürlich nicht anmerken, denn die Maske sitzt. Aber innerlich grüble ich und mache mich fertig. Auch noch Tage später. Zu groß ist der Perfektionismus. Meine Selbstachtung und Anerkennung ist dabei nicht vorhanden. Kleine Niederlagen mache ich zu großen Themen. Die Relationen stimmen nicht. Ausgelöst wurde das bei mir durch die Schule. Das Notensystem hat in mir einen ständigen Leistungsdruck ausgelöst. Auf dem Gymnasium gab es dann nicht mehr nur die Note 1 und dann war Schluss. Es gab die Note 1 Plus, eine 0,8 oder 15 Punkte. Nach oben ging immer noch mehr. Zuhause wurde ich mit Besseren verglichen und bekam nur für sehr gute Leistungen ein Lob.

Der innere Kritiker?
Die Stimme, der innere Kritiker, der nicht begründet, aber ständig unzufrieden ist, lobt uns nicht. Und mein Kritiker hält auch nie den Mund. Eigentlich meint er es gut mit uns, denn seine Funktion besteht darin, uns nicht in Gefahr zu bringen, uns an Normen zu halten, in der Gesellschaft Halt zu finden und Regeln zu befolgen. Aber einige Kritiker, so wie meiner, wissen einfach nicht, wann das Maß voll ist und neigen zu Übertreibungen.

Wie hält der jetzt die Schnauze?
In der Vergangenheit konnten mein innerer Kritiker und ich uns nie gemeinsam das Bett teilen. Er sabbelte mir den ganzen Abend die Ohren voll. Ich konnte deshalb nie ohne den Fernseher einschlafen. Die Bilder und Geräusche lenkten mich ab. Ich kam auf andere Gedanken und konnte irgendwann pennen. Gesund war das nicht. Es war eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera und ich entschied mich für das kleinere Übel. Jeder, der mit dem Fernseher einschläft, weiß, wie ungesund der Schlaf ist und wie erschlagen man sich am nächsten Tag fühlt. Das Licht des Fernsehers stört den Schlafrhythmus und man trainiert sich ein blödes Ritual an. Dennoch half der Fernseher mir zunächst, überhaupt schlafen zu können. Denn Schlaftabletten waren keine Lösung. Sie sind super ungesund, bringen keinen Tiefschlaf und am nächsten Tag fühlst Du Dich wie ausgekotzt und schläfst eher tagsüber als in der Nacht.

Das Podcast-Pennen
Ich merkte zunehmend, wie sehr mich sogar mein alter Freund der Fernseher stresste und probierte es ohne optische und akustische Reize. Das ging nicht. Um die Reize des Fernsehers irgendwie zu minimieren, entschloss ich mich, mich auf akustische Reize zu beschränken. Die Idee des Podcast-Pennens war geboren. Der Vorteil des Podcasts ist, dass er Kindheitserinnerungen weckt. Jemand liest Dir eine Geschichte vor und Du bringst Dich auf andere Gedanken. Gleichzeitig gibt’s auch hier die Timerfunktion, sodass der Vorleser irgendwann leise Dein Schlafzimmer verlässt. Mein Lieblings-Podcast zum Einschlafen ist von Laura Malina Seiler. Er bringt mich auf positive Gedanken und zudem hat Laura eine sehr angenehme Stimme.

Einschlaf-Methode
Für Advanced-Schläfer gibt's auch die Zählmethoden, die ich gerne anwende, wenn ich auf jegliche Ablenkung verzichten möchte. Ich schließe die Augen und zähle beim Einatmen „Eins“ und beim ausatmen „Eins“. Dann gehts weiter: Beim Einatmen „Zwei“, beim Ausatmen „Zwei“. Bis ich bei „Zehn“ angekommen bin. Mache ich einen Fehler oder vergesse ich, durch die Gedanken, wo ich war, fange ich wieder bei „Eins“ an. Am Anfang habe ich es lange nicht bis „Zehn“ geschafft, aber ich konnte nach etwas Übung gut einschlafen.

Meditation
Natürlich weiß ich, wie sehr die Meditation den Geist zur Ruhe bringt und die Stimmen leiser dreht. Sind sie aber erstmal laut, ist es schwer, sich in Stille zu begeben und die Augen zu schließen. Ich meide dann die Momente, bei denen sie meine volle Aufmerksamkeit kriegen könnten. Dazu gehört Reiki, Meditation und Entspannung im Allgemeinen. Aber wo keine Entspannung, da lautere Stimmen. Hallo Teufelskreis!
Daher versuche ich mich mit kleinen Marketing-Maßnahmen zu locken. Ich gehe von meinen Erwartungen runter und sage mir: „Probier's doch mal aus. Ist kostenlos und muss ja nicht lange sein.“ Wenn ich mich dann tatschlich hinsetze und nach fünf Minuten dem Druck nicht mehr standhalten kann, habe ich es wenigstens versucht. Zeitverschwendung gibt es nicht.

Peace-Faktor
Ich weiß heute, dass Entspannung und Entschleunigung die besten Methoden sind, um zur Ruhe zu kommen, einem Burnout oder einer Depression vorzubeugen. Allerdings sind auch die Techniken am wirksamsten, die am meisten weh tun und zu denen ich mich in solchen Momenten sehr zwingen muss. Aber auch hier gilt wieder: Einfach mal anfangen und in kleinen Schritten zum Ziel kommen. Denn wenn ich mich einmal meiner Angst stelle, merke ich, dass die Ruhe heilsam ist und mir gut tut. Ich schaltete den Fernseher aus, da kam sowieso nur noch Müll, und den Podcast an.

Ich schmeiß mich in den Sessel oder setze mich in den Schneidersitz und dann fang ich an, fünf Minuten zu relaxen. Dabei ist es nicht wichtig, eine bestimmte Meditationstechnik anzuwenden. Regeln schrecken in diesen Momenten nur davon ab, es zu tun. Ich schließe einfach die Augen und lass mich treiben. Ich gehe neue Wege, gehe mit dem Hund in den Wald oder schnapp mir ein Buch, obwohl ich das Lesen hasste. Am Anfang wollte ich nicht glauben, welche Auswirkungen die paar Minuten haben können. Manchmal war mir die Zeit auch zu schade und ich habe mich hinter dem Argument versteckt, ich hätte keine Zeit für so etwas. Allerdings musste ich diesen Satz gewaltig überarbeiten.

Jeder von uns hat 24h am Tag und 365 Tage im Jahr. Keiner hat mehr oder weniger Zeit als der andere. Es ist ausschließlich eine Sache der Präferenzen. Keine Zeit ist keine Ausrede mehr!

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